Die Trennung bzw. die Trennungserfahrung ist die Ursache, die die Selbstannahme überhaupt erst notwendig macht.
Davon ausgehend ist das Ziel der Selbstannahme das Ganzheits- oder Kohärenzerleben; auf der Gefühlsebene ist das mit Wohlgefühl oder auch Rührung verbunden. „Rührung“ als Emotion verweist als Wort gleichzeitig auf den Bewegungs- bzw. Energieflussaspekt („rühren“ gleich „bewegen“). Hierbei soll auch darauf verwiesen werden, dass die sog. Flow-Forschung (M. Csikszentmihalyl) den Flow - also den Fluss - als das Geheimnis des Glücks ansieht. Leser von Herrmann Hesse denken dabei an „Siddhartha“: „Der Fluss ist die Antwort.“
Es soll also mit der Selbstannahme eine Ganzheit, In-sich-Verbundenheit, Wohlgefühl, fließende Energie und Glück wiederhergestellt werden. Damit soll auch ausdrücklich betont werden, dass diese eindeutig positive Qualitä-ten Ganzheit, Kohärenz, Wohlgefühl, harmonischer Fluss und Glück als allein dem wahren Selbst zugehörig angenommen werden: So ist es jedem Menschen ursprünglich angeboren.
Wir sollen unser angeborenes, wesentliches Selbst als von Grund auf rein, gut, liebenswert und liebevoll anerkennen – ich komme als unschuldiges, perfektes Wesen (auch bei irgendwelchen körperlichen oder zentral-nervösen Störungen) auf die Welt.
Negative Eigenschaften, Fähigkeiten und Zustände (Leid, Schmerz, Schuld) sind nachträglich gemacht und können dem Selbst anhaften; sie sind aber kein ursprünglicher, wesentlicher Teil des Selbst.
Schmerz, Leid und Schuld sind erst das Ergebnis von Ängsten und Projektionen, ausgehend von der Fehleinschätzung, dass die Ursache meines Trennungserlebens die Abwendung der Mutter von mir aufgrund meiner Wertlosigkeit bzw. meiner Schuld sei. Da die Ausgangssituation – ich bin von der Mutter getrennt, weil sie mich nicht liebt, da ich ihre Liebe nicht ver-dient habe – falsch von mir beurteilt wurde, kann auch alles andere, was ich quasi als Kompensation konstruiere, nicht richtig sein.
Alle Eifersucht, Scham, Misstrauen, Schuldgefühle, Hass, Angst und Wut rühren demnach aus einer Fehleinschätzung, die mit meinem wahren Selbst nichts zu tun hat. Sie ist eine dem wahren Selbst unangemessene Anhaftung.
Ziel der Selbstannahme soll also letztlich sein, dass ich die falschen Annahmen von Aggression, Angst, Scham, Selbstwertzweifel und Schuld loslasse und meine wahren ursprünglichen Selbstanteile, wie Unschuld, Reinheit, Liebenswürdigkeit, Perfektion zulasse und dies demütig als Geschenk für mich in Anspruch nehme.
Jeder Schritt auf diesem Weg ist mit einem Gefühlsfluss von Rührung, Dankbarkeit, Freude und Glück verbunden – hin zu einem immer intensiveren Erleben von Verbundenheit in sich selbst, mit Anderen und mit Allem im Sinne von Ganzheit.
Von Dr. Günter Eble
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